Kein anderer Wein kann es in Punkto Volkstümlichkeit mit dem Beaujolais Nouveau aufnehmen. Ein Rotwein zum Einfach-So-Trinken, zum Schlotzen, zum Leben, zum Lachen. Ihm wohnt nichts Geheimnisvolles oder Tiefgründiges inne, er verlangt keine besondere Kennerschaft und schon gar nicht gibt er vor, etwas anderes zu sein, als er ist: eine junge, fröhliche und so ganz und gar unmelancholische Erinnerung an den vergangenen Sommer.
Selbst Zeitgenossen, die Châteaux nicht von Bordeaux unterscheiden können und Pauillac für eine Automarke halten, können hier mitreden. Sie verehren den duftigen, leichten und verführerischen Beaujolais Nouveau (von anderen auch als Primeur bezeichnet), dessen Auftritt in wenigen Tagen auch hierzulande wieder ausgiebig gefeiert wird.

Am 3. Donnerstag im November ist es so weit!

Na ja, ich gebe zu, in der Überschrift ein klein wenig geschummelt zu haben. Die farbenfrohen Plakate, die in Weinhandlungen und Gasthäusern „Le Beaujolais Nouveau est arrivé!“ verkünden, sind zwar längst produziert, aber noch nicht aufgehängt. Erst am 19.11. ist es wieder so weit. Dann nämlich ist der dritte Donnerstag im November und das ist – wie in jedem Jahr – der frühest mögliche Termin, um all die durstigen Kehlen in der ganzen Welt mit jungem Beaujolais zu stillen. Ursprünglich wurde er hergestellt, um die erfolgreich abgeschlossene Lese zu feiern und sich gleichzeitig bei den Erntehelfern zu bedanken. Heute gilt sein Eintreffen weltweit als Spektakel, dem die Gemeinde der Weinseligen sehnsüchtig entgegenfiebert.

Der Nouveau ist kein Federweißer

Ein Primeur ist im Gegensatz zu einem Federweißen, der während der alkoholischen Gärung abgefüllt wird, ein fertig vergorener Wein. Doch wie alles, das auf die Schnelle entsteht, geht auch der Beaujolais Nouveau schnell wieder zugrunde. Schon zum Jahreswechsel beginnen die meisten ihre Frische und aromatische Intensität zu verlieren und spätestens zur Fastenzeit sollten die letzten Flaschen geleert sein.

Masse statt Klasse

Kein anderer Wein genießt in so kurzer Zeit so viel Aufmerksamkeit und bringt seinen Produzenten so viel kommerziellen Erfolg. Doch um die Jahrtausendwende entwickelte sich seine wachsende Beliebtheit immer mehr zum Totengräber der Qualität. Die Zahl der Flaschen stieg in astronomische Höhen und um die geschmacklichen Defizite zu vertuschen, wurden keine Mittel und Wege gescheut. Der feine Primeur verkam durch Zusatz von Aromen, Zuckerung und künstlich aufgepeppten Alkoholgehalt zu einem Schatten seiner Selbst.

Vor dem Kauf probieren…

Deshalb ist es bei diesem Wein besonders wichtig, auf die Qualität zu achten. Investiere lieber ein paar Euro mehr und wenn Du die Möglichkeit hast, probier bevor Du kaufst! Schau, ob Du nicht ein paar Flaschen bei einem Fachhändler in Ihrer Nähe bekommen kannst. Sehr viel teurer als beim Discounter ist er dort auch nicht und wahrscheinlich kannst Du einen Probeschluck nehmen.

…und jung trinken

Und noch einmal: Trinke den Nouveau jung, denn wenn er zu lange lagert, verliert er seine schönsten Seiten, seine jugendliche Fruchtigkeit und seine Frische. Serviere ihn in schönen, nicht allzu großen Rotweingläsern bei etwa 10 bis 12 grad Celsius. Zu herzhaften Käse- und Aufschnittplatten, aber auch zu Pizza, Quiche, unkomplizierten Gemüse- und Hühnchengerichten oder gesunder Mittelmeerküche macht er eine super gute Figur.

Die eigentlichen Schätze des Gebietes

Und wenn Du Freude am Nouveau gefunden hast, solltest Du unbedingt auch die anderen Weine kennenlernen, die im Beaujolais entstehen. Denn das 55 Kilometer lange französische Gebiet zwischen Mâcon und Lyon ist eine Quelle seriöser und zum Teil auch ungemein langlebiger Rotweine. Nicht der Nouveau, sondern diese anderen Weine zeichnen für die wahre Reputation des Gebietes verantwortlich. Sie kommen mit den Bezeichnungen Beaujolais und – im Falle der etwas kräftigeren Vertreter – Beaujolais-Villages in den Handel. Die qualitative Spitze des Eisbergs markieren die so genannten „Crus“. Sie kommen aus insgesamt zehn kleinen Bereichen, deren Weine als so charaktervoll und gut gelten, dass ihnen jeweils eine eigene Appellation zuerkannt worden ist. Das bedeutet, sie dürfen den Namen ihrer konkreten Herkunft in großen Buchstaben auf den Flaschenetiketten tragen. Sie haben fast alle wunderschöne, wohlklingende Namen (Fleurie, Morgon, Juliénas), aber sie stiften bei Wein-Novizen regelmäßig Verwirrung, weil ihre Etiketten den Namen der Appellation, nicht jedoch die Bezeichnung Beaujolais tragen. Mehr über diese Weine erfährst Du in einem Blogpost, den ich hier vor einigen Monaten verfasst habe.

Lass es Dir schmecken!

Wolfgang Staudt