Wenn nahe Menschen sterben, ist das oft wie ein Weckruf. Gewohnte Rhythmen des Alltags haben plötzlich keine Chance mehr. Die Uhren scheinen auf einmal anders zu gehen.

Wie der Tod die Perspektiven verändert

Ich bekenne, gerade von diesem Weckruf erfasst zu sein. Vor wenigen Wochen ist mein Vater gestorben. Das hat einiges in meinem Leben verändert.

Nun bin ich ein „erwachsener Waise“ (Victoria Secunda).

In der Trauer um meinen Papa kommt mir überraschenderweise immer wieder mein Opa in den Sinn.

Mein Opa liebte den Wein

Er ist schon sehr lange tot und ich muss gestehen, in den vergangenen Jahren eher selten an ihn gedacht zu haben. Das ist gerade anders.

Vielleicht auch, weil der Blick auf ihn frei geworden ist.

Es könnte sein, dass ich ihm in manchem ähnlicher bin, als ich bislang angenommen habe.

Er war sicher kein Weinkenner, so wie wir es heute verstehen. Aber der Wein hatte es ihm angetan. Er mochte ihn. Und immer, wenn wir Gäste hatten, holte er eine Flasche aus seinem kleinen Weinkeller, öffnete sie mit Bedacht, roch zunächst am Korken, dann am Wein. Es folgten dann „Hmmms“ und „Oohs“ und bedeutungsschwere Gesten.

Ich war noch ein Kind, aber ich verstand, dass es sich hier wohl um etwas ziemlich Wertvolles handeln musste.

Weingespräche

Sofort suchte er das Gespräch auf den Wein zu lenken. „Was meint ihr: Kommt er vom Rhein oder von der Mosel?“

Und ohne die Antworten der Anwesenden abzuwarten, fragte er weiter: „Welcher Jahrgang?“ „Welche Rebsorte?“

Mitunter wurde dann über die Qualität des ausgeschenkten Weins heftig gestritten. „Viel zu süß“, meinten die einen, „viel zu sauer“ die anderen. Da ich dieses Erwachsenen-Theater nicht mochte, habe ich mich meistens schon bald verdrückt.

Schätze im Weinkeller

Viel lieber mochte ich es, wenn mein Opa mir seinen Weinkeller zeigte. Das tat er ziemlich oft. Er schien diesen muffigen Kellerraum sehr zu mögen.

Wenn er dann die ein oder andere Flasche aus dem Regal hervorholte, strahlte er und es lagen Glanz und Freude in seinen Augen.

Besonders stolz war er auf die älteren Weine in seinem Lager.

Er war der festen Überzeugung, dass Wein mit zunehmendem Alter immer besser und wertvoller wird. Er meinte, die Weine aus meinem Geburtsjahrgang könnte ich ja dann auch später mal probieren.

Wein oder Wissenschaft?

Dann starb mein Opa und ich ging studieren. In den Marburger Studentenkneipen wurde Bier getrunken.

Ich hatte meinen Opa und seine Begeisterung für Wein längst vergessen, als ich mich im Jahr 1992 für ein paar Wochen in die Nähe von Bordeaux zurückzog, um an meiner Dissertation zu arbeiten.

Statt mich dem wissenschaftlichen Arbeiten zu widmen, begann ich zu flirten.

Es war ein Flirt mit der Weinlandschaft des Médoc, den Schlössern der Weinproduzenten und der langen Geschichte des Weinbaus in dieser Region. Ich sprach mit Winzern und erspürte ihre ungeheure Leidenschaft für ihre Produkte und den Schaffensprozess vom Weinberg bis in die Flasche.

Ohne es damals zu ahnen, begann in diesen Tagen ein langsamer Abschied von der Wissenschaft und ein unaufhaltsamer Prozess, das wieder in mein Leben zu holen, das mein Opa mir vor langer Zeit mit auf den Weg gegeben hatte.

Die Liebe zum Wein

In der Zwischenzeit sind 25 Jahre vergangen und ich habe tatsächlich den Wein lieben gelernt. Und wahrscheinlich wird niemand widersprechen, wenn ich für mich Weinkennerschaft reklamiere. Ich schreibe und unterrichte. Rund 20.000 Teilnehmer haben meine Kurse besucht und ich habe mehrere Bücher über Wein geschrieben.

Nur wer den Wein liebt, ist ein Weinkenner

Doch eine ganz wesentliche Erkenntnis, die ich nach all den Jahren und tausender Tastings gewonnen habe, mag dich verblüffen:

Weinkenner sein, so wie ich es verstehe, bedeutet in erster Linie, einen Wein zu lieben.

Wissen ist nützliches Beiwerk. Doch nur wer den Wein liebt, kann ein echter Kenner sein. Kompaktes Weinwissen bekommst du in meinem Buch: Weinwissen kompakt!

Unterscheide Wichtiges von Unwichtigem

Es ist weder notwendig, den Namen jeder Rebsorte zu kennen, noch muss man jedes Anbaugebiet bereist haben. Du musst auch nicht unbedingt wissen, wie Wein im Detail gemacht wird, welche Fässer dabei zum Einsatz kommen und wieso so viele Kellermeister alles daran setzen, den biologischen Säureabbau zu verhindern.

Achte auf ein vernünftiges Glas und die passende Trinktemperatur und fang einfach an Schau dir dazu auch dieses Artikel von mir an: Manifest.

Aber sei achtsam! Nimm dir Zeit und sei unvoreingemommen. Das ist entscheidend!

Weinkennerschaft verlangt Achtsamkeit

Nimm zunächst einfach nur wahr, ohne zu bewerten. Was siehst du (Bedeutung der Farbspiele), riechst du, schmeckst und fühlst du? Nimm es einfach nur wahr.

Fokussiere deine Aufmerksamkeit ganz auf die Begegnung. Das ist ein fantastischer Entdeckungsprozess.

Wenn es dir gelingt, dich in diesen Prozess zu vertiefen, wirst du nicht nur den ganzen Facettenreichtum eines Weines erspüren, sondern auch jede Menge über dich selbst erfahren.

Und wenn du dann einen Moment inne hältst und an die Erde und den Regen denkst, die Sonne und den Wind, die Rebpflanze, den Winzer und Kellermeister, die alle zusammen das Glück, dem du im Glase begegnest, möglich gemacht haben, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass du gerade einen bewegenden Moment erlebst.

Wenn du nun ein Urteil fällen möchtest, tue es: Schmeckt er dir? Was gefällt dir an ihm, was nicht? Wenn du ihm das erste Mal begegnest und er gefällt dir nicht, gib ihm eine zweite Chance.

Suche nach Gelegenheiten, die sein Temperament und seine Stärken gut zum Ausdruck bringen. Dann performt er noch mal so gut.

Wer in diesem Sinne die Begegnungen mit Wein achtsam und liebevoll gestaltet, ist in meinen Augen ein echter Weinkenner.

So verstandene Weinkennerschaft war meinem Opa sicher nicht fremd. Auf seine Art hat er den Wein geliebt. Das war unverkennbar, wenn er für mich eine Flasche aus dem Regal hervorholte.

Er strahlte und es lagen Glanz und Freude in seinen Augen.

 

 

Auf bald!

 

Wolfgang

 

Komm doch in die von mir betreute Facebook-Gruppe. Du bist herzlich eingeladen.

Um direkt zur Gruppe zu kommen, bitte hier klicken: Facebook-Gruppe

 

Und wenn Du Dein Weinwissen vertiefen willst, dann hol dir meinen kostenlosen Report „Weinkenner werden“. Hier klicken: