Fragst Du Dich nicht auch immer mal wieder, was einen einfachen von einem guten Wein, einen mittelmäßigen von einem exzellenten Wein unterscheidet? Gibt es zuverlässige Anhaltspunkte für die Beantwortung dieser Fragen? Welche Rolle spielt der Preis, welche Bedeutung hat die gesetzliche Qualitätseinstufung und welche Aussagekraft haben die Weinbewertungen von Experten? Und wie viel Zutrauen darfst Du in dieser Angelegenheit Deinem eigenen Gaumen schenken?

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Weinqualität, Geschmack, Preise…

In meinen Seminaren und Tastings kommen diese Fragen regelmäßig aufs Tablett. Dabei wird schnell klar, dass die wenigsten einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Preis und dem Trinkgenuss eines Weines erkennen. Mal gefällt ein preiswerter, mal ein sehr viel teurerer. Gar nicht so selten ist die Erfahrung, dass Weine enttäuschen, für die man sehr tief in die Tasche greifen musste. Es hilft auch nicht, den Empfehlungen der Weinpäpste und Kritiker in der Hoffnung zu folgen, dass die schon wissen, was gefällt. Und auch die gesetzlichen Definitionen von Weinqualität und Qualitätswein werden als viel zu allgemein und unpräzise wahrgenommen, als dass sie wirklich Substanzielles zu einer besseren Orientierung beitragen könnten.

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Gründe für Kaufentscheidungen…

Überall dort, wo Du Dich gut auskennst, gehen Deiner Kaufentscheidung differenzierte Bewertungs- und Abwägungsprozesse voraus und doch entscheidend wahrscheinlich letztlich der Bauch. Wie ist das zum Beispiel beim Kauf einer neuen Winterjacke? Spielen hier nicht zugleich Stil-, Qualitäts-, Preis- und Markenimageaspekte eine Rolle. Farbe und Schnitt ergeben mit einigen anderen Elementen den Stil der Jacke, während die Art des Stoffes, die verwendeten Materialien und ihre Verarbeitung wesentlich zur Qualität der Jacke beitragen. Handelt es sich um ein Markenprodukt mit positivem Image, kann das die Entscheidung ebenso beeinflussen wie die Höhe des Preises. Korrigiere mich, wenn es bei Dir anders ist.

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…und die Ästhetik der Flaschenausstattung 

Ist das auch beim Wein so? Unterschiedest Du auch hier zwischen Qualität, Stil und Image und prüfst dann, ob er zu Dir passt und seinen Preis wert ist? Oder anders gefragt: Welche Bedeutung spielt beim Weineinkauf die Ästhetik der Flaschenausstattung und die Preisrange, die Dir gerade opportun erscheint? Auf der Basis welcher Kriterien entscheidest Du? 

Und dann ist der Wein im Glas. Jetzt muss er zeigen, was er drauf hat. Und Du musst zeigen, was Du drauf hast. Schließlich begegnen sich da zwei auf Augenhöhe. Passen Deine Erwartungen mit dem konkret Erlebten zusammen? Gefällt Dir sein Äußeres, sein Duft und sein Geschmack? Ist es ein guter Wein oder bloß einer, der Dir gefällt? Oder gibt er Dir gar Rätsel auf? Findest Du ihn preiswert oder zu teuer? Wie auch immer es ist, es kommt immer darauf an, wie Du ihm begegnest, was Du mit ihm anstellst, was Du aus ihm herausholst. Wenn es ein sehr guter Wein ist, Du aber nichts mit ihm anfangen kannst, habt Ihr beide Pech gehabt. War es ein eher einfaches Exemplar und Ihr hattet viel Spaß miteinander, habt Ihr Glück gehabt. Gänsehaut-Atmosphäre und große Emotionen kommen jedoch nur auf, wenn große Weine auf Menschen treffen, die sich ihnen mit Haut und Haaren zuwenden und leidenschaftlich-intensive Begegnungen provozieren.

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Trainiere Deine sensorische Kompetenz

Meine Botschaft lautet: Trainiere Deine Sensorik! Mache Dich unabhängig von den Meinungen anderer und lerne die Qualität eines Weines selbst einschätzen. Es ist viel einfacher als Du denkst und bringt eine neue Qualität in Dein Leben. Vieles, was Du im Umgang mit Wein gelernt hast, kannst Du auf andere Genussfelder und eigentlich fast auf den gesamten Lebensmittelbereich übertragen: auf Essige und Öle, auf Fisch und Fleisch, Käse und Schokolade, Gewürze und Kräuter, Gemüse und Obst… Ohne Produktkenntnisse, vor allem aber ohne sensorische Kompetenz bleibst Du unmündig und Spielball fremder Interessen.

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Erkenne Weinfehler

Prüfe zunächst, ob der Wein, den Du im Glas hast, fehlerfrei ist. Das ist die Mindestanforderung an einen trinkbaren Wein, wie gut auch immer er sein mag. Ist er nicht fehlerfrei, kannst Du Dir alle weiteren Mühen bei der Beurteilung schenken. In der jüngeren Vergangenheit haben kellertechnische Entwicklungen und zunehmendes önologisches Know-how zwar dazu beigetragen, Unsauberkeiten und Fehler im Prozess der Weinbereitung zu eliminieren, dennoch sind Weinfehler keine Seltenheit. Der häufigste ist der sogenannte Korkschmecker. Einen korkkranken Wein erkennst Du an seinem modrigen, muffigen Geruch. Er ist nicht zum Verzehr geeignet. Im Restaurant solltest Du die Flasche zurückgeben. 

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Prüfe die Ausgewogenheit eines Weines

Wenn Du festgestellt hast, dass der Wein fehlerfrei ist, kannst Du zum nächsten Schritt übergehen und prüfen, ob er harmonisch ist. Je harmonischer das Zusammenspiel der Elemente ist, desto besser können die eigentlich schönen und großen Seiten eines Weines zur Geltung kommen. Du kannst dann Deine Aufmerksamkeit ganz auf diese konzentrieren und wirst nicht von Unstimmigkeiten abgelenkt. Harmonie ist die Bühne, um Größe und Schönheit zur Schau zu stellen. Ein balancierter Wein strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, er ist mit sich im Reinen. Aber es gibt kein absolutes Maß, welches das richtige Verhältnis bestimmt. Jeder Wein realisiert seine eigene, ganz persönliche und einmalige Harmonie – seine individuelle Kompositionslogik.

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Entwickle einen Sinn für die Details

Bitte verwechsle aber Harmonie nicht mit bloßer Gefälligkeit oder Konformität. Gemeint ist vielmehr das komplexe Zusammenspiel der Teile, ein dynamisches Gleichgewicht, ästhetisch geordnete Vielfalt, harmonische, sich wechselseitig bereichernde Koexistenz von Verschiedenem, ja teilweise Gegensätzlichem. Die innere Spannung der geschmacklichen Gesamtarchitektur eines Weines wird von zwei rivalisierenden Dimensionen getragen: Einer femininen Seite, die dem Wein Milde, Geschmeidigkeit und Süße, aber auch Opulenz und Schwere verleiht, steht eine maskuline Seite gegenüber, die Festigkeit, Rückgrat, Härte und Struktur, aber auch Frische, Lebendigkeit und Leichtfüßigkeit liefert. Beide Seiten halten sich wechselseitig in Schach, sie neutralisieren sich, betonen aber auch einander. Behalten zum Beispiel die süßen Komponenten von Alkohol, Süße und Frucht die Oberhand, besteht die Gefahr, dass dem Wein die nötige Frische und Lebendigkeit fehlt und er schwer, überladen oder einfach nur süß wirkt. Wenn die maskulinen Komponenten (Säure, Tannen, Extrakt) übermäßig vertreten sind, dann präsentiert sich der Wein meist abweisend, karg, ruppig und säuerlich.

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Spannung und großes Kino

Säurebetonte Weine präsentieren sich nur dann harmonisch, wenn die Inhaltsstoffe der femininen Seite zusammen in der Lage sind, die hohen Säurewerte auszugleichen oder ihnen zumindest ihre unangenehme Spitze zu nehmen. Umgekehrt verlangen Süßweine wie die deutschen Auslesen, Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen (TBA) nach einem Gegenpol zu Ihrer ausgeprägten Femininität. Nur auf der Basis einer kräftigen, lebhaften Säure kann sich auch ein sehr süßer Wein ein gewisses Maß an Festigkeit und Vitalität bewahren. Fehlt diese, dann wirken sie meist überladen und breit und ihre Süße wird als unangenehm wahrgenommen. Die Säure stellt sozusagen das Rückgrat und die breiten Schultern zur Verfügung, um die Süße zu tragen, die zusammen mit dem Alkohol sehr viel Schwere verbreiten kann. Deswegen sind die besten Süßweine meisten auch die säurereichsten Weine überhaupt. 

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Lass Dich beeindrucken 

Nachdem Du Dich eingehend mit der Balance und Harmonie des Weines beschäftigt hast, ist es nun an der Zeit zu prüfen, wie beeindruckend und nachhaltig die Begegnung mit ihm ist. Hier geht es nun also um die Intensität der Wirkung, die er an Nase und Gaumen hinterlässt. Wenn Du von einem Wein sagen kannst, dass er persistent oder lang ist, so heißt das vor allem, dass Du viel und lange von ihm hast. Es bedeutet, dass die Wirkungen, die er entfaltet, von großer Reichweite und Ausstrahlung sind. Ein persistenter Wein ist in all seinen Facetten von der Zungenspitze bis in den Rachenraum präsent, während ein „kurzer“ Wein räumlich nur auf die Zungenmitte begrenzte Empfindungen auslöst. Nach der räumlichen kommt nun ein zweiter Aspekt ins Spiel: die zeitliche Dimension. Je länger die Zeitspanne ist, in der ein Wein Deine Geschmacksknospen stimuliert und Deine Aufmerksamkeit fesselt, desto höher ist seine Qualität. Einfache Weine sind kurz und sagen schnell Adieu. Feine Weine dagegen entfalten eine für Deine Sinne so beeindruckende Wirkung, dass sie auch nach dem Schlucken noch schier unendlich lange nachwirken. Begegnungen mit solchen Weinen sind reich und nahezu unerschöpflich. 

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Entdecke die Ästhetik eines Weines

Wenn Du den von mir vorgeschlagenen Schritten gefolgt bist, weißt Du bereits recht viel über Wein. Bist Du bereit für den nächsten Schritt? Dafür musst Du allerdings die Sphäre des Messbaren, des wissenschaftlich Exakten verlassen. Du begibst Dich nämlich jetzt auf die Suche nach dem gewissen Etwas, der ästhetischen Qualität eines Weines. Die meisten Weine, die weltweit erzeugt werden, haben in dieser Hinsicht nichts oder zumindest nicht viel zu bieten. Doch einige wenige Weine sind groß, genauso wie große Kunst: anspruchsvoll, spannend und verführerisch. Sie besitzen eine zeitlose, von jeder Mode losgelöste Schönheit. Sie verlangen Geduld, um in all ihrer Größe erfasst und verstanden zu werden. Sie geben nicht alles sofort preis, sondern fordern den Entdecker und Eroberer in Dir heraus. Nur wenn Du Dich ihnen mit Aufmerksamkeit, Geduld und Ausdauer näherst, wirst Du in den Genuss kommen, mit all ihren Facetten Bekanntschaft zu machen.

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Sinnvolle ästhetische Kategorien

Die Begriffe und Kategorien, die Du zur Beschreibung der Ästhetik eines Weines heranziehst, müssen sich daran messen lassen, ob sie sinnvolle Assoziationen auslösen und mit ihrer Hilfe eine Beurteilung der Performance, der Klasse und des Wertes eines Weines möglich wird. Ich will Dir die Wahl der Begriffe, mit denen Du die ästhetische Qualität eines Weines am besten beschreiben kannst, an dieser Stelle nicht abnehmen oder gar vorschreiben. Für mich haben sich vor allem die folgenden Kategorien bewährt:

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Komplexität

Komplexität beschreibt das qualitativ obere Ende einer Bewertungsskala, die mit einfach, eindimensional und banal begonnen hat. Die meisten Weine, die Dir angeboten werden, sind einfache Weine. Vielleicht ohne Fehl und Tadel, aber eben einfach und eindimensional. Doch immer mal wieder wirst Du Weinen begegnen, die mit Dir spielen, die Dich für einen Moment in ihren Bann ziehen, um sich Dir bereits im nächsten Augenblick wieder zu entziehen. Mal zeigen sie sich von dieser, mal von jener Seite. Sie scheinen mehr als eine Identität zu haben. Aber es ist das komplexe, vielschichtige Zusammenspiel vielfältiger Duft- und Geschmacksnuancen, die Dich herausfordern und die Begegnung zu einem spannenden Abenteuer machen. Komplexe Weine sind nicht die einfachsten. Sie haben eine Tiefe, die oft schwer zu ergründen ist. Insbesondere in ihrer Jugend wirken sie verschlossen, introvertiert und wenig zugänglich. Den Zugang scheinen sie nur denjenigen zu gewähren, die sich um sie bemühen, die eine gewisse Begegnungsarbeit nicht scheuen. Dann allerdings halten sie Schätze bereit.

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Anmut & Eleganz

Anmut und Eleganz besitzen Weine, die auf den ersten Blick verzaubern. Ihnen eigen ist eine wundervolle Leichtigkeit. Sie haben etwas von einem Trapezkünstler, der im Moment seiner öffentlichen Darbietung alle Mühen und allen Schweiß des Trainings hinter sich lässt und mit Leichtigkeit und Eleganz scheinbar schwerelos durch die Lüfte schwingt. Sie präsentieren sich mit Nonchalance und taktvoller Zurückhaltung. Eitle Gekünsteltheit ist ihnen fremd. Selbst wenn ihnen eine große Geschmacksintensität eigen ist, bewahren sie eine angenehm unaufdringliche, leise Art. Nur einer kleinen Minderheit unter den Weinen sind diese Privilegien vergönnt. 

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Bescheidenheit

Bescheidenheit ist eine Eigenschaft von Weinen, die sich als wundervolle Begleiter zum Essen und zu angeregten Gesprächen erweisen – im Gegensatz zu solchen, die unsere ganze Aufmerksamkeit einfordern. Auch wenn die Bescheidenen manchmal sehr viel Aufmerksamkeit benötigen, so schreien sie nicht danach, fordern sie nicht lauthals ein.

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Entdecke die Lust aufs Echte

Mit einer Aufforderung möchte ich mich dem Ende dieses Blog-Beitrags nähern und Dir freundlich zurufen: Trau Dich und verlasse die Pfade des geschmacklichen Mainstreams! Begib Dich auf die Suche nach authentischen und stilistisch originellen Weinen. Gerade wenn Du noch nicht allzu viel Trinkerfahrung hast, wirst Du sicher nicht immer gleich im ersten Moment von diesen Weinen begeistert sein. Gib Ihnen eine Chance, investiere ein bisschen mehr Zeit in die Begegnung und vertraue darauf, dass Du ins Gespräch mit ihnen kommst. Wenn ich hier von Authentizität spreche, dann meine ich echte und unverwechselbare Weine mit Ursprungsidentität. Authentischen Weinen merkt man in aller Deutlichkeit an, woher sie kommen. Im Gegensatz zu industriell erzeugten Massenweinen haben sie eine Heimat, eine Geschichte und sie wurzeln in einem soziokulturellen Kontext. Das zusammen begründet ihre stilistische Originalität. In einer globalisierten, scheinbar grenzenlos gewordenen Welt wird das Originelle, Authentische und Unverwechselbare auf besondere Art und Weise wertvoll. Gleichzeitig unterliegt es unentwegt der Gefahr, vom Internationalisierungsstrudel und dem Diktat des Massengeschmacks erfasst und in seiner Originalität vernichtet zu werden. Da braucht es Winzer und Kellermeister mit Rückgrat, die den Versuchungen des Massenmarktes und des schnellen Geldes widerstehen, die sich beharrlich weigern, echte Perlen gegen Modeschmuck einzutauschen. Und da braucht es offene, neugierige und anspruchsvolle Konsumenten, die Lust aufs Echte haben, auf Weine, die nicht nur gut aussehen und unkompliziert schmecken, sondern herausfordern, emotionalisieren und zu unseren Herzen vordringen.

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Noch ein Tipp zum Schluss

Wie gut auch immer ein Wein ist, gefragt bist Du. Deine Aufmerksamkeit und Deine Bereitschaft, sich auf ihn einzulassen, entscheiden über die Qualität der Begegnung. Probieren und immer wieder probieren heißt die Devise. Manche Weine werden Dich spontan begeistern, andere verlangen Begegnungsarbeit. Umso anspruchsvoller und vielschichtiger er ist, desto eher musst Du damit rechnen, dass er seine schönen Seiten, sein ganzen Qualitätspotenzial nicht auf Anhieb zeigt. Geh auf ihn zu, entdecke seine besonderen Qualitäten und Du wirst reichlich beschenkt werden. Das alles musst Du nicht, um Spaß mit einem Gläschen Wein zu haben. Versteh es als Angebot, als Chance, einmal mehr die Oberflächlichkeiten des Lebens hinter Dir zu lassen und echte Begegnungen zu erleben, Begegnungen, die Dich sinnlich und intellektuell gleichermaßen befriedigen.

Wenn Du noch ein bisschen mehr über „Weinqualität“ und andere Weinthemen erfahren möchtest, dann empfehle ich Dir meinen Online-Wein-Kurs „Wein.Genuss.Entdecken“. Über diesen Link erfährst Du, um was es alles gehen wird und wie es abläuft. Auf jeden Fall kannst Du im Kurs auch Wein probieren, denn ich schicke sechs ausgewählte Flaschen an alle Teilnehmer. Zu den Kurs-Infos!

 

Lass es Dir schmecken!

 

Wolfgang Staudt

 

Und wenn Du Dein Weinwissen vertiefen willst, dann hol Dir mein kostenloses E-Book „Vom Greenhorn zum selbstbewussten Genießer„!